Ein neues Tram für Bern

2023 werden 21 alte Vevey-Trams und Blaue Bähnli ausrangiert und ersetzt. Doch wie sollen die Trams der Zukunft aussehen? Welche Bedürfnisse müssen sie abdecken? Ein ganzes Projektteam bei BERNMOBIL wird sich in den nächsten Jahren mit diesen Fragen beschäftigen.

Mehr Platz, mehr Komfort
Selbstfahrende Trams – noch Zukunftsmusik
Verkauft oder verschrottet

Innovativ in die Zukunft
Fahrerlose Trams und Busse

Ein Tram gibt es nicht einfach ab Stange. Schon gar nicht das Tram der Zukunft. «Einen Standardbus können wir in relativ kurzer Zeit an unsere Bedürfnisse anpassen und bestellen – ein Tram hingegen ist teilweise eine Spezialanfertigung, abgestimmt auf die örtlichen Verhältnisse und die Eigenheiten des Tramnetzes», sagt Projektleiter Stefan Keiser von BERNMOBIL. Dementsprechend aufwendig sei die Beschaffung der neuen Trams, die ab 2023 die zwölf Vevey-Trams von BERNMOBIL sowie die neun Blauen Bähnli des RBS ersetzen werden. Ein Tram müsse auf eine Stadt zugeschnitten werden, sagt Keiser – in der historischen Stadt Bern mit ihren engen Gassen und den vielen Brunnen sei dies eine besondere Herausforderung.

Als Projektleiter Fahrzeuge ist Keiser dafür verantwortlich, dass die neuen Trams perfekt zur Stadt Bern passen und auf die Kundenanforderungen abgestimmt sind. Die neuen Fahrzeuge müssen aber auch vielen weiteren Ansprüchen gerecht werden. Ein Projektteam mit rund 20 Mitarbeitenden aus allen Abteilungen von BERNMOBIL – von der Infrastruktur über das Marketing bis zum Netzmanagement – sowie Vertretern der involvierten öffentlichen Ämter hat den Prozess der Trambeschaffung 2017 in Angriff genommen. Sechs Jahre wird es dauern, bis die Anforderungen zusammengestellt, der Hersteller ausgewählt, die Trams konstruiert und diese schliesslich betriebsbereit sind.

Mehr Platz, mehr Komfort

Die Trams werden bis zu 35 Jahre in Betrieb sein – also bis circa 2058. Die ersten Fragen lauten daher: Wie wollen die Fahrgäste der Zukunft ein Tram nutzen? Was erwarten die Fahrerinnen und Fahrer künftig vom neuen Tram? Welche gesetzlichen Regelungen müssen die Konstrukteure beachten? Und: Welche technischen Lösungen hat der Markt überhaupt zu bieten? «Wir müssen das Angebot aller Lieferanten ganz genau prüfen», sagt Keiser, «wir können nichts bestellen, was es noch nicht gibt.»

Klar ist bislang: Das neue Tram wird rot und bis 43 Meter lang. Und es wird über mehr Multifunktionsräume verfügen. «Die Gesellschaft verändert sich – die Menschen nutzen das Tram in 20 Jahren anders als vor 20 Jahren. Dem wollen wir Rechnung tragen», sagt Keiser. Die neue Raumaufteilung soll mehr Platz für Kinderwagen oder Rollstühle bringen. Auch Komfort – etwa beim Raumklima – und Sicherheit werden steigen. Erreichen könne man Letzteres etwa mit übersichtlichem Interieur, gutem Licht sowie Sauberkeit durch vandalensichere und leicht zu reinigende Fahrzeuge.

Selbstfahrende Trams – noch Zukunftsmusik

Ausserdem will BERNMOBIL auch technische Innovationen einsetzen: Fahrassistenzsysteme, die den Aussenraum des Trams überwachen, werden ab 2023 den Fahrer auf Gefahren aufmerksam machen, etwa auf Fussgänger oder zu nah am Trassee parkierte Autos. «Irgendwann werden wir sicher teilautomatisiert oder gar mit autonomen Fahrzeugen fahren», sagt Keiser. «Wir können heute jedoch kein selbstfahrendes Tram bestellen, da ein solches noch nicht existiert.» Potenzielle Lieferanten könnten bei der Offerte jedoch Ideen einbringen, wie sie entsprechende Anpassungen zu einem späteren Zeitpunkt vornehmen könnten.
Nach der öffentlichen Ausschreibung 2018 wird BERNMOBIL die Offerten prüfen und den Hersteller auswählen. Gehen keine Einsprachen ein, kann der Bau der neuen Trams beginnen. Die Kosten für die 21 neuen Trams – je nach Ausgang der Abstimmung über das Tram Ostermundigen werden noch einige dazukommen – betragen erfahrungsgemäss rund vier Millionen Franken pro Fahrzeug.

Verkauft oder verschrottet

Bis dahin sind die alten Trams weiterhin im Einsatz. «Wir hegen und pflegen sie mit grossem Aufwand, damit wir sie für ihre vorgesehene Betriebsdauer von 33 Jahren am Leben erhalten können», sagt Keiser. Und was passiert danach mit den schon fast nostalgisch anmutenden Gefährten? Werden sie – wie die letzten ausrangierten Trams – nach Rumänien verkauft? «Je nachdem, ob sich ein Käufer oder eine andere Lösung findet», sagt Keiser, «sonst werden sie verschrottet.»

Innovativ in die Zukunft

Was für Bedürfnisse haben unsere Fahrgäste in 20 Jahren? Und was gilt es diesbezüglich bereits jetzt zu berücksichtigen? Solchen Fragen stellt sich mitunter die Abteilung Unternehmensentwicklung von BERNMOBIL. Ariane Affolter erklärt, wohin die Reise in Zukunft gehen könnte. 


Ariane Affolter, BERNMOBIL hat 2016 die Abteilung Unternehmensentwicklung gegründet. Sie sind fürs Innovationsmanagement zuständig. Weshalb braucht es Sie?
Die Welt dreht sich immer schneller – die Entwicklung eines Unternehmens muss deshalb gezielt gesteuert werden. Das Innovationsmanagement gibt Impulse und setzt Denkprozesse in Gang, die bei unseren Spezialisten zu neuen Ideen führen.

Wie könnte das Tram der Zukunft aussehen?
Genau das ist unsere Herausforderung, denn auch wir können leider nicht in die Zukunft blicken. Wir orientieren uns an Prognosen, etwa der Bevölkerungsentwicklung: Braucht es in Zukunft mehr Flächen für Rollatoren? Oder sind gar Trams vorstellbar, in denen der Innenraum je nach Tageszeit verändert wird – tagsüber viele Sitzplätze, abends viel Stauraum? Welche Bedürfnisse werden die jungen Menschen künftig haben? Schon heute lernen immer weniger urbane Menschen Auto fahren. Was wollen sie künftig alles im ÖV mitführen? Oder möchten sie gar, dass wir für sie Objekte von A nach B transportieren? Das sind ganz wichtige Fragen, denen wir aus verschiedenen Perspektiven nachgehen könnten.

Wie stark gehen Sie Trends nach?
Wir halten die Augen immer offen: Gibt es irgendwo auf der Welt oder in einer anderen Disziplin einen neuen Impuls? In Dubai werden Menschen voraussichtlich schon 2018 in Drohnen von A nach B fliegen. Aber Bern ist nicht Dubai – würden die Menschen hier überhaupt einsteigen?

Fahrerlose Trams und Busse

Das Thema autonomes Fahren ist auch für BERNMOBIL von Interesse. Neben Fahrerassistenzsystemen (siehe Artikel Tram) stehen zurzeit vor allem selbstfahrende Kleinbusse, wie sie an einzelnen Orten bereits getestet werden, als ergänzende Angebote beispielsweise für die Feinerschliessung von Quartieren oder auf Firmengeländen im Vordergrund. In Zusammenarbeit mit anderen Verkehrsbetrieben und inte-ressierten Unternehmen plant BERNMOBIL einen Pilotbetrieb mit selbstfahrenden Kleinbussen. Auch die Stadt Bern hat einen derartigen Pilotbetrieb in ihren Legislaturrichtlinien 2017–2020 aufgenommen. Noch ist aber nicht abzusehen, wann in Zukunft die Vision eines vollautomatisierten öffentlichen Verkehrs Wirklichkeit werden könnte.

Alle BERNMOBIL-Magazine auf einen Blick