Die Mischflotte als «Bernerlösung»

Ab Frühjahr 2023 fahren die ersten der 27 bestellten Tramlink-Trams von Stadler Rail auf dem Netz von BERNMOBIL. Bei 20 dieser Trams handelt es sich um sogenannte Zweirichtungsfahrzeuge. Speziell bei Netzunterbrüchen ermöglicht der Einsatz dieser Fahrzeuge eine erhöhte betriebliche Flexibilität. Dass die von BERNMOBIL gewählte Strategie einer Mischflotte die richtige ist, wurde in einer unabhängigen Expertise jüngst bestätigt.

Was dem Berner der Bär, ist dem Zürcher der Leu und dem Basler der Vogel Gryff. Alle drei grossen Schweizer Städte weisen ihre gesellschaftlichen und kulturellen Eigenheiten auf. Bezüglich des öffentlichen Verkehrs haben sie eine grosse Gemeinsamkeit: Ihre Tramnetze sind historisch gewachsen und basieren auf Einrichtungsfahrzeugen – Tramkompositionen also, die nur auf einer Seite über einen Führerstand verfügen. Dieses Bild wiederspiegelt sich auch beim Blick über unsere Landesgrenzen hinaus. Metropolen, die seit hundert Jahren auf das Tram setzen, sind in der Regel im Einrichtungsverkehr unterwegs. Netze die erst in den letzten Jahrzehnten oder etappenweise realisiert wurden, basieren meist auf Zweirichtungsfahrzeugen. Beispielhaft sind hier etwa Nizza oder Barcelona.

Unterschiedliche Fahrzeugtypen

Beide Fahrzeugtypen weisen ihre individuellen Vor- und Nachteile auf. Einrichtungsfahrzeuge haben vor allem im Bereich Fahrgastkomfort die Nase vorn. Sie verfügen über mehr Sitzplätze. Und sie ermöglichen aufgrund zusätzlicher Türen auf nur einer Seite einen schnelleren Fahrgastwechsel. Damit das System mit Einrichtungsfahrzeugen funktioniert, braucht es zum Wenden Wendeschlaufen.

Aus betrieblicher Sicht hingegen sind Zweirichtungsfahrzeuge im Vorteil, weil sie flexibler eingesetzt werden können. Der Richtungswechsel kann bei Zweirichtungsfahrzeugen auch mit Kehranlagen abgewickelt werden. Im Vergleich benötigen Einrichtungsfahrzeuge Wendeschlaufen, die tendenziell mehr Platz benötigen.

Da die technischen Wartungsarbeiten bei Fahrzeugen mit zwei Führerständen und Türen auf beiden Seiten aufwändiger sind, fallen auch die Kosten etwas höher aus.

Unabhängige Expertise

Die Thematik Ein-/Zweirichtungsbetrieb ist vielschichtig und beinhaltet aber weit mehr als die Gegenüberstellung technischer Merkmale beider Fahrzeugtypen. Bevor eine eindeutige Beurteilung auf dem Tisch liegt, müssen viele Faktoren miteinbezogen und gewichtet werden. Einer der Hauptfaktoren ist der Einbezug der lokalen Gegebenheit im Zusammenhang mit der dortigen Infrastruktur. Künftig setzt BERNMOBIL auf eine Mischflotte. Das heisst, mit der Beschaffung des Tramlink werden neu zwanzig Zweirichtungsfahrzeuge den Dienst auf unserem Netz aufnehmen. Damit will BERNMOBIL bei Baustellen oder anderen planbaren Ereignissen die betriebliche Flexibilität des Trams erhöhen. Die Wendemöglichkeiten für Einrichtungstrams sind auf dem innerstädtischen Netz beschränkt und neue Wendeschlaufen können aus städtebaulichen Gründen nicht realisiert werden. Welche Strategie tatsächlich die beste Lösung für Bern darstellt, wollte das Amt für öffentlichen Verkehr und Verkehrskoordination (AÖV) durch eine unabhängige Expertise prüfen lassen. Durchgeführt wurde die Studie durch die Rapp Trans AG.

Die «Bernerlösung»

In ihrer Expertise zur «Auslegeordnung für Ein- und Zweirichtungstrams für das Tramnetz Bern» kommt die Rapp Trans AG zum Schluss, dass der von BERNMOBIL eingeschlagene Weg mit einer Mischflotte zielführend sei. Einerseits kämen die Vorteile von Einrichtungstrams nach wie vor zum Tragen. Andererseits sei im Fall von geplanten Betriebsunterbrüchen ein Restbetrieb dank Zweirichtungstrams auf ein bis zwei Linienabschnitten möglich. Letzteres bedinge neu zu erstellende Kehranlagen an geeigneten Stellen, welche in Planung bzw. in Umsetzung seien, hält die Expertise fest. Drei dieser Anlagen sollen in den nächsten Jahren beim Loryplatz, Helvetiaplatz und Kursaal gebaut werden.

Dies hat den positiven Nebeneffekt, dass die vorzuhaltende Flotte an Gelenkautobussen für den Ersatzbetrieb kleiner gehalten werden kann.

Das von Kritikern des Einrichtungsverkehrs angeführte Argument, Wendeschlaufen würden zu viel Grünfläche beanspruchen, wurde von der Expertise weitegehend entkräftet. Eine betrieblich flexibel nutzbare Kehranlage erreicht nämlich eine erhebliche Länge von ca. 200 Metern. Der Bau einer solchen Anlage kann ebenso herausfordernd sein, wie die Realisierung einer Wendeschlaufe. Damit die betriebliche Flexibilität aufrechterhalten werden kann, muss auch bei Kehranlagen eine Wendemöglichkeit für Ersatzbusse integriert werden. Ob eine Wendeschlaufe oder eine Kehranlage die bessere Lösung ist, hängt zu guter Letzt sehr stark vom Standort ab. Als exemplarisches Beispiel sei hier etwa die Wendeschlaufe bei der Linie 9 bei der Endhaltestelle Wankdorf Bahnhof erwähnt. Die Gleisanlage führt rund um einen Häuserblock und konnte städtebaulich ideal in die örtlichen Gegebenheiten integriert werden.

Und die Kosten?

Was die Beschaffungskosten betrifft, müssen Besteller von Zweirichtungsfahrzeugen mit Mehrausgaben von rund zehn Prozent rechnen. Grund dafür sind hauptsächlich der zweite Führerstand, die zusätzlichen Türen und die leicht höheren Instandhaltungskosten von ca. 10 Rappen pro Kilometer. Auf die Instandhaltungskosten von rund 30 Jahren bezogen, schlägt das Zweirichtungsfahrzeug mit Mehrkosten von rund 210'000.- CHF zu buche. Was die Kosten der Wendeanlagen betrifft (Wendeschlaufe / Kehranlagen), halten sich diese preislich die Waage.

Fazit: Eine vollständige Umstellung auf Zweirichtungstrams wird gemäss der Expertise auch in Zukunft als nicht zielführend eingestuft. Auch könnte die Reserveflotte an Gelenkbussen trotz weiterer Zweirichtungsfahrzeugen nicht weiter abgebaut werden.

Mit den ab Frühjahr 2023 eingesetzten Tramlink von Stadler Rail erreicht BERNMOBIL einen weiteren Meilenstein in ihrer Geschichte. 20 von 27 bestellten Fahrzeugen sind Zweirichtungstrams. Deren Inbetriebnahme ermöglicht BERNMOBIL die Mobilität in der Stadt und Region Bern für die Bevölkerung und Fahrgäste noch angenehmer zu gestalten.

 

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Kommentare


Dali

19.01.2021 um 14:01 Uhr

Schade, werden die schienenfressenden Siemens-Gurken nicht auch gleich ersetzt. Eine Zumutung für den Steuerzahler und die Anwohner!

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