«Es ist wichtig, alle an Bord zu wissen.»

Als Projektleiter begleitet Stefan Keiser von Beginn an die Neubeschaffung der 27 Tramlinks von Stadler Rail. Im Interview erklärt der 53-Jährige, warum der Einbezug der Mitarbeitenden so wichtig ist und dass selbst die Auswahl eines scheinbar simplen Bodenbelags wohl überlegt sein will.

Stefan Keiser, ab Frühjahr 2023 fahren die ersten Tramlinks von Stadler Rail auf dem Netz von BERNMOBIL. Was überzeugt Sie persönlich davon, dass diese Fahrzeuge die bestehende Tramflotte optimal ergänzen werden? 

Dazu werfen wir am besten einen Blick auf die momentane Flotte von BERNMOBIL. Die 2003 eingeführten Niederflurtrams des Typs Combino von Siemens sind sehr gute Fahrzeuge; an die sich unsere Fahrgäste gewöhnt haben. Mit dem hellen Innenraum, grosszügigen Platzverhältnissen und einer umweltschonenden Klimatisierung werden unsere Fahrgäste auch im Tramlink komfortabel durch Bern und Region gefahren. Die grossen Fensterflächen sorgen zudem dafür, dass eine Tramfahrt quasi Sightseeing-Charakter erhält.

Auch aus betrieblicher Sicht orientiert sich das neue Fahrzeugkonzept des Tramlink – dort wo es möglich ist – an den Vorzügen des Combino. Sprich, das Handling sowohl des Tramlink wie auch des Combino sollte für unsere Fahrdienstangestellten ähnlich sein. Denn, wer beispielsweise am Morgen vier Stunden auf dem Combino fährt, möchte am Nachmittag im Tramlink nicht ein komplett anderes Cockpit vorfinden.

Warum wurden den nicht einfach Combinos der neusten Generation bestellt, wenn diese Fahrzeuge so gut sind?

Der Kauf neuer Fahrzeuge unterliegt dem öffentlichen Beschaffungsrecht. Es muss also eine Ausschreibung erfolgen und die eingegangenen Offerten müssen nach wirtschaftlichen und technischen Gesichtspunkten bewertet werden. Das Lastenheft zuhanden der Offertsteller wies über 700 Anforderungen auf – was den Umfang dieses Beschaffungsprojektes ganz gut aufzeigt. Dass die Bewertung der eingegangenen Offerten fair und gleichbehandelt erfolgen musste, versteht sich von selbst. Unter dem Strich hat Stadler Rail mit ihrem Tramlink das für BERNMOBIL wirtschaftlich günstigste Angebot unterbreitet und schliesslich das «Rennen» für sich entschieden.

Inwiefern unterscheidet sich das Fahrzeugkonzept des Tramlink von der bestehenden Flotte?

Wie der Combino von Siemens ist der Tramlink ein Multigelenkfahrzeug. Während der Combino über Losradachsen verfügt, weist der Tramlink eine durchgehende Achse (sogenannt Radsatz) auf. Unsere Tramlink werden in zwei Varianten produziert, nämlich 20 Zweirichtungs- und 7 Einrichtungsfahrzeuge.

Die Beschaffung des Tramlink erstreckt sich über mehrere Jahre. Wie wichtig ist der Einbezug der Mitarbeitenden von BERNMOBIL bei einer Neubeschaffung dieser Grössenordnung?

Ein wesentlicher Teil bei meiner Arbeit als Projektleiter besteht tatsächlich darin, alle Projektmitarbeitenden über die gesamte Dauer des Projekts «an Bord» zu behalten. Man darf nicht vergessen, dass alle Involvierten auch ihre ganz eigenen Bedürfnisse an dieses Fahrzeug stellen. Nehmen wir zum Beispiel den Fahrdienst. Eines der wichtigsten «Bedienelemente» der Wagenführerinnen und -führer ist der Fahr-, Bremshebel. Dieser wird dauernd gehalten und sollte demnach auch so ergonomisch wie möglich in der Hand liegen. Als Projektleiter muss ich zudem auch planen, zu welchem Zeitpunkt die Bedürfnisse der Projektmitarbeitenden einzubringen sind. Dieses Timing ist darum so wichtig, dass die Bedürfnisse bei der Herstellerin Stadler Rail auch umgesetzt werden können. Im Weiteren ist es bedeutsam, Verständnis für interne Abläufe sowohl bei der Bestellerin BERNMOBIL als auch bei der Herstellerin Stadler Rail zu schaffen. Nur so ist es möglich, ein solches Projekt zu stemmen. Alles in allem war meine Arbeit dann erfolgreich, wenn alle Beteiligten «drangeblieben» sind, selbst wenn nicht alle Wünsche erfüllt werden konnten.

Und die Wünsche der Fahrgäste?

Diese wurden im Vorfeld in einer explizit auf die Fahrgäste ausgerichteten Studie erhoben. Ein neues Fahrzeug ist rund 30 Jahre «im Dienst». Da gilt es etwas in die Glaskugel zu schauen – abzuschätzen, wie sich die Gesellschaft und deren Bedürfnisse entwickeln werden. In diesem Kontext ist die Barrierefreiheit selbstverständlich auch ein Thema, damit Menschen mit einer Behinderung den öffentlichen Verkehr ohne zusätzliche Hilfen nutzen können. Dazu gehört unter anderem die Planung von Multifunktionsbereichen für Rollstühle und Kinderwagen sowie der barrierefreie Ein- und Ausstieg mit Schiebetritten an allen Türen.

Komfort und Sicherheit spielen im öV eine wichtige Rolle. Über 700 Kriterien wurden im Lastenheft zuhanden der Herstellerin spezifiziert. Haben Sie ein konkretes Beispiel, dass die Komplexität eines solchen Vorhabens veranschaulicht?

Die Auswahl des Bodenbelages ist so ein Beispiel. Aus dem Blickwinkel des Fahrgastes gefällt der Boden – oder vielleicht auch nicht. Bei der Beschaffung hingegen spielen weit mehr Faktoren als das Aussehen eine Rolle. Hier liegt die Tücke im Detail. Neben den zulassungsspezifischen Anforderungen wurden mehr als zehn zusätzliche Kriterien definiert, die bei der Wahl des passenden Bodenbelags und der Fussbodenkonstruktion erfüllt sein müssen. Beispielsweise dürfen keine gesundheitsschädlichen oder umweltgefährdende Stoffe enthalten sein und er muss verschleissfest, rutschfest, einfach zu reinigen und reparierbar sein. Natürlich müssen auch die gesamte Fussbodenkonstruktion und die verwendeten Materialien den definierten Brandschutz erfüllen und später das dazu passende Reinigungsmittel verwendet werden.

Die Beschaffung von Tramlink bedeutet einen Schritt in Richtung Zukunft. Welchen Einfluss haben die neuen Trams auf die Lebensqualität der Bevölkerung der Stadt und der Region Bern?

Mit der Einführung des Tramlink 2023 werden wir auf dem ganzen Netz von BERNMOBIL mit modernem Rollmaterial unterwegs sein und die Reise damit noch angenehmer machen. Ein grosses Plus ist sicher, dass ab Einführung des Tramlink alle Trams klimatisiert unterwegs sein werden. Auch weist der Tramlink keine Stufen beim Eintritt auf, was unsere Fahrgäste ebenfalls als sehr komfortabel empfinden werden.

Aufgrund der Radsätze hat der Fussboden im Tramlink unterschiedliche Niveaus, die durch Rampen erreicht werden. Gegenüber dem Combino sind diese Rampen ein bisschen steiler – aber in punkto Barrierefreiheit wird da natürlich alles «im grünen Bereich» sein.

Die Coronapandemie hält die Welt nach wie vor in Atem. Hat diese auch Auswirkungen auf die Produktion des Tramlink?

Ja leider. Natürlich machte das Virus auch vor den Toren des Stadler Werks im spanischen Valencia nicht Halt. Aktuell müssen wir damit rechnen, dass es aufgrund der aktuellen Coronasituation erneut zu einer Verzögerung von bis zu vier Wochen für die ersten sechs Fahrzeuge kommen könnte. Bei einem Blick auf den Projektplan bedeutet das, dass das erste Fahrzeug erst gegen Ende April 2023 ausgeliefert würde.

Welche Projektschritte stehen im ersten Halbjahr 2021 an?

Im technischen Bereich wird im spanischen Valencia mit der Produktion der Wagenkästen begonnen. Zudem startet die Fertigung diverser Komponenten und Systeme in den Bereichen Fahrwerk, Motor und Getriebe. Die ersten Arbeiten werden ab Mitte 2021 von BERNMOBIL vor Ort abgenommen. Persönlich freue ich mich, den Weg mit allen Projektmitarbeitenden Schritt für Schritt weiterzugehen. Ich bin überzeugt davon, dass wir die anstehenden Herausforderungen gut meistern werden.

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