Logenplatz: Entdeckung der Langsamkeit
Zwei Generationen, ein Tempo. Die Kolumne von und mit This Wachter.
26.02.2026
Ich bin ja Busfahrer und nicht Sozialforscher. Aber ich stelle dennoch gesellschaftliche Phänomene fest, für die normalerweise aufwändige Studien nötig wären. Eines dieser beobachteten Phänomene ist durchaus tröstlich. In einer Welt, in der die Werte und Haltungen der Alten und der Jungen bedrohlich weit auseinander zu driften drohen, in der Alte nur bar und Junge nur per Twint bezahlen wollen, in der Alte analog verkrustet und Junge digital verseucht sind - in dieser Welt stelle ich am Bus-Steuer immer wieder fest: Die Alten der Generation Babyboomer und die Jungen der Generation Z sind sich in einem Punkt erstaunlich ähnlich. Es geht dabei um etwas, was von mir ziemlich viel Geduld erfordert - besonders, wenn ich dem Fahrplan bereits hinterherhinke. Ich rede vom Tempo. Einerseits beim Ein- und Aussteigen. Und andererseits beim Überqueren des Fussgängerstreifens.
Zuerst zum Ein- und Aussteigen: Es ist völlig klar und akzeptiert, dass ältere Menschen - und zu denen gehören ja (ihrem Namen zum Trotz) die Babyboomer - mit all den Gebrechen nach einigen Lebensjahrzehnten nicht mehr die Schnellsten sind. Schon der Zustieg in den Bus ist eine Hürde (die ich mit dem Druck auf den so genannten «Kneeling»-Knopf etwas verringern kann). Dann muss noch ein Platz gefunden werden. Erst wenn ich im Rückspiegel sehe, dass der ältere Fahrgast auch sitzt, setze ich meine Fahrt fort (wohlmeinende Lesende könnten das als selbstloses, zuvorkommendes Verhalten meinerseits verstehen, aber ich muss hier ehrlich genug sein und zugeben, dass ich da durchaus auch aus Eigeninteresse handle, da mich ein umgestürzter Fahrgast noch mehr aus dem Fahrplan-Takt bringen würde).
Auch wenn die Alten und die Jungen durch ihre generationenübergreifende Langsamkeit auffallen (für die ich angesichts unserer hochtourigen Welt sogar etwas Sympathie habe), so ist doch ein Unterschied festzustellen. Und der zeigt sich besonders auf dem Fussgängerstreifen. Es geht dabei eigentlich um ausgestrahlte Temperatur: Ältere Menschen ist oft eine innere Erhitzung anzusehen, angespannt schieben sie sich über den Fussgängerstreifen. Sie kommen offensichtlich langsamer über die Strasse, als sie möchten. Ganz anders die Jungen: Sie sind langsamer, als sie könnten. Und strahlen dabei eine Coolness aus, mit der sie selbst einen verspäteten Bus mit 50 Fahrgästen noch etwas warten lassen.
Ich verstehe ja schon, dass den Jungen die Zukunft gehört. Doch wünschte ich mir manchmal, sie könnten ihre Betriebstemperatur etwas jener der Babyboomer anpassen. Vielleicht verlange ich hier aber zu viel und wiederhole den gleichen Fehler, wie ich ihn als Vater von zwei Jugendlichen der Generation Z häufig mache. Es liegt nicht daran, dass sie nicht wollen. Sie können nicht. Denn das Smartphone ist der Rollator der Jugend.
*Illustration erstellt mit KI
This Wachter fährt seit 2024 bei BERNMOBIL Bus. Daneben macht er Podcasts - zum Beispiel «8424 Züri West» - und Audioproduktionen für Museen. Er war zuvor viele Jahre als Journalist tätig, unter anderem beim Berner «Bund» und bei Radio SRF 4 News.
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Wenn ich jeweils an einer Tischrunde erwähne, dass ich Busfahrer bin, ist eine Reaktion so sicher wie das Amen in der Kirche: «Das könnte ich nicht - das muss ja ein Riesenstress sein, durch all die Menschenmassen in der Innenstadt zu fahren!» Im Tonfall ist dann oft schaudernde Bewunderung herauszuhören.
Ich muss dann jeweils einräumen, dass ich selber kaum durch die Innenstadt fahre und wenn schon, erst ab dem Abend, wenn ich mit dem kurzen Kultur-, Ausgeh- und Partybus der Linie 30 durch Altstadt, Matte und Marzili kurve. Natürlich habe auch ich Respekt vor meinen Kolleginnen und Kollegen, die tagsüber durch die Marktgasse fahren und sich beim Zytglogge durch die Touristenmassen pflügen. Ich weiss aber auch, dass mit der Erfahrung ein ziemlich gutes Sensorium entsteht, wer da draussen auf den Pflastersteinen den Bus bemerkt hat und wer nicht.
Zurück zum «Riesenstress»: Ein Kollege von mir, der Postauto fährt, hat mal gesagt, das Busfahren sei ein wahres Achtsamkeitstraining. Ich kann ihm nur beipflichten. Wenn mal wieder eine Mittdreissigerin im matt lackierten BMW rücksichtsloses Einbiegen von der Seitenstrasse mit sportlichem verwechselt, wenn ein angejahrter Automobilist sichtbar aus dem Konzept gerät, weil er in der engen Quartierstrasse rückwärtsfahren müsste, um mir Platz zu machen, wenn mich ein E-Bike-Fahrer, der offenbar nicht so stark am Leben hängt, rechts überholt - immer in solchen Situationen hilft ein langgezogenes, tief durchgeatmetes Ohhhmmm.
Yoga im Strassenverkehr? Ich bin ja nicht so bewandert, was Yoga betrifft (die wenigen Versuche scheiterten an meiner eingeschränkten Beweglichkeit). Aber dieses Ohm taugt durchaus als Achtsamkeits-Massnahme beim Busfahren. Es verkörpere, lese ich im Internet, den «Kreislauf des Lebens» und sei ein «Symbol für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, für das Sichtbare und Unsichtbare.» Was meine Realität als Busfahrer eigentlich recht gut zusammenfasst.
Das Ohm hilft mir besonders im morgendlichen und abendlichen Stossverkehr. Besonders die Gattung der von der Arbeit nach Hause Fahrenden zeichnet sich durch ein überaus ichbezogenes Verhalten aus. Während vor und neben mir Menschen in Auto und Lieferwagen, auf Velo und E-Trottinett mit Schnappatmung unterwegs sind, ist bei mir am Bussteuer Tiefenentspannung angesagt: Ohhhhhmmm.
Übrigens wird dieser tiefe, vibrierende Ton (den ich allerdings mehr denke als laut von mir gebe, um nicht Fahrgäste zu verunsichern) ideal unterstützt vom brummenden Geräusch des Dieselmotors. Das hilft zur Entspannung. In diesem Zusammenhang: Was mein Achtsamkeitstraining am Steuer betrifft, habe ich noch kein schlüssiges Urteil über unsere neuen Elektrobusse gefällt. Das bisherige Ohm des Dieselmotors ist hier einem Geräusch gewichen, das mich an ein hochfrequentes «Ihhhhhmmm» erinnert. Quasi E-Yoga am Bussteuer.
*Illustration erstellt mit KI
This Wachter fährt seit 2024 bei BERNMOBIL Bus. Daneben macht er Podcasts - zum Beispiel «8424 Züri West» - und Audioproduktionen für Museen. Er war zuvor viele Jahre als Journalist tätig, unter anderem beim Berner «Bund» und bei Radio SRF 4 News.
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