Logenplatz: «Ohhmm» im Stossverkehr
Zwischen Touristen, E-Bikes und Stossverkehr hilft nur eines – ein tiefes Ohhmm. Die Kolumne von und mit This Wachter.
27.01.2026
Wenn ich jeweils an einer Tischrunde erwähne, dass ich Busfahrer bin, ist eine Reaktion so sicher wie das Amen in der Kirche: «Das könnte ich nicht - das muss ja ein Riesenstress sein, durch all die Menschenmassen in der Innenstadt zu fahren!» Im Tonfall ist dann oft schaudernde Bewunderung herauszuhören.
Ich muss dann jeweils einräumen, dass ich selber kaum durch die Innenstadt fahre und wenn schon, erst ab dem Abend, wenn ich mit dem kurzen Kultur-, Ausgeh- und Partybus der Linie 30 durch Altstadt, Matte und Marzili kurve. Natürlich habe auch ich Respekt vor meinen Kolleginnen und Kollegen, die tagsüber durch die Marktgasse fahren und sich beim Zytglogge durch die Touristenmassen pflügen. Ich weiss aber auch, dass mit der Erfahrung ein ziemlich gutes Sensorium entsteht, wer da draussen auf den Pflastersteinen den Bus bemerkt hat und wer nicht.
Zurück zum «Riesenstress»: Ein Kollege von mir, der Postauto fährt, hat mal gesagt, das Busfahren sei ein wahres Achtsamkeitstraining. Ich kann ihm nur beipflichten. Wenn mal wieder eine Mittdreissigerin im matt lackierten BMW rücksichtsloses Einbiegen von der Seitenstrasse mit sportlichem verwechselt, wenn ein angejahrter Automobilist sichtbar aus dem Konzept gerät, weil er in der engen Quartierstrasse rückwärtsfahren müsste, um mir Platz zu machen, wenn mich ein E-Bike-Fahrer, der offenbar nicht so stark am Leben hängt, rechts überholt - immer in solchen Situationen hilft ein langgezogenes, tief durchgeatmetes Ohhhmmm.
Yoga im Strassenverkehr? Ich bin ja nicht so bewandert, was Yoga betrifft (die wenigen Versuche scheiterten an meiner eingeschränkten Beweglichkeit). Aber dieses Ohm taugt durchaus als Achtsamkeits-Massnahme beim Busfahren. Es verkörpere, lese ich im Internet, den «Kreislauf des Lebens» und sei ein «Symbol für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, für das Sichtbare und Unsichtbare.» Was meine Realität als Busfahrer eigentlich recht gut zusammenfasst.
Das Ohm hilft mir besonders im morgendlichen und abendlichen Stossverkehr. Besonders die Gattung der von der Arbeit nach Hause Fahrenden zeichnet sich durch ein überaus ichbezogenes Verhalten aus. Während vor und neben mir Menschen in Auto und Lieferwagen, auf Velo und E-Trottinett mit Schnappatmung unterwegs sind, ist bei mir am Bussteuer Tiefenentspannung angesagt: Ohhhhhmmm.
Übrigens wird dieser tiefe, vibrierende Ton (den ich allerdings mehr denke als laut von mir gebe, um nicht Fahrgäste zu verunsichern) ideal unterstützt vom brummenden Geräusch des Dieselmotors. Das hilft zur Entspannung. In diesem Zusammenhang: Was mein Achtsamkeitstraining am Steuer betrifft, habe ich noch kein schlüssiges Urteil über unsere neuen Elektrobusse gefällt. Das bisherige Ohm des Dieselmotors ist hier einem Geräusch gewichen, das mich an ein hochfrequentes «Ihhhhhmmm» erinnert. Quasi E-Yoga am Bussteuer.
*Illustration erstellt mit KI
This Wachter fährt seit 2024 bei BERNMOBIL Bus. Daneben macht er Podcasts - zum Beispiel «8424 Züri West» - und Audioproduktionen für Museen. Er war zuvor viele Jahre als Journalist tätig, unter anderem beim Berner «Bund» und bei Radio SRF 4 News.
BERNMOBIL eMagazin
Mehr Informationen und Einblicke rund um den öffentlichen Verkehr in Bern.