Logenplatz: Die Tür der Verunsicherung

Die «Tür 1» sagt mehr über Nähe, Rücksicht und Gewohnheiten aus, als man denkt. Die Kolumne von und mit This Wachter.

26.03.2026

Logenplatz: Die Tür der Verunsicherung

Der Mensch ist ein Herdentier. Das stelle ich an jeder Haltestelle fest, an der mehr als eine Person auf mich wartet. Ich kann hier nicht mit einer knallharten Statistik aufwarten, aber immerhin mit einer Schätzung aus Erfahrung: 80 Prozent der Fahrgäste steigen bei der zweiten Tür in den Bus, 15 Prozent bei der dritten und blosse 5 Prozent bei der ersten Tür - dort, wo ich am Steuer sitze. (Bei BERNMOBIL fahren auch Busse mit vier oder gar fünf Türen, das verkompliziert hier aber die Statistik - kommt hinzu, dass ich selbst nur mit dreitürigen Modellen fahre.) 
 

Ich frage mich, was die Tür 1 neben mir so unattraktiv macht. Wenn die Fahrgäste normalverteilt (um einen Begriff aus der Mathematik zu bemühen) über alle Türen ein- und ausstiegen, würde ich weniger Verspätung einfahren. Zudem gehöre ich zu jenen Menschen am Bussteuer, die Freude haben, wenn Fahrgäste die Tür bei mir vorne benutzen. Denn in meinem Job tut ein freundliches «Grüessech» oder auch mal ein «Merci, adieu» durchaus gut. 
Nun erlebe ich aber immer wieder, dass Fahrgäste einen Bogen um «meine» Tür 1 machen. Sie gehen selbst dann zu Tür 2, wenn ich an der Haltestelle vor deren Nase die Tür 1 öffne. Hat das mit mir zu tun? Ist es den Fahrgästen unangenehm, von mir begrüsst zu werden? Getrauen sie sich aus anderen Gründen nicht? 
Eine kurze Umfrage in meinem Bekanntenkreis bringt ganz ehrenwerte Motive zutage. «Wenn es draussen besonders kalt oder heiss ist, ist es für Dich doch unangenehm, wenn da immer die Tür bei Dir aufgeht», begründet eine offensichtlich mitfühlende Bekannte ihre Zurückhaltung vor Tür 1. Okay, kann ich nachvollziehen und finde ich sympathisch. «Seit der Pandemie bin ich unsicher, ob ich überhaupt vorne einsteigen darf», sagt ein Freund. Ah klar, da war ja die Pandemie (das war vor meinem Einstieg als Busfahrer) und ganz vorne war die Tabuzone. Aber heute, erkläre ich dann, ist es nicht nur erlaubt, sondern oft auch erwünscht, alle Türen zu benützen. Gerade für ältere Menschen, die etwas unsicher auf den Beinen sind, ist es sogar besonders sinnvoll, vorne einzusteigen - ich kann sie so gut im Auge behalten. 

Busfahrer von BERNMOBIL, This Wachter

 

This Wachter fährt seit 2024 bei BERNMOBIL Bus. Daneben macht er Podcasts - zum Beispiel «8424 Züri West» - und Audioproduktionen für Museen. Er war zuvor viele Jahre als Journalist tätig, unter anderem beim Berner «Bund» und bei Radio SRF 4 News. 

Es gibt übrigens einzelne Fahrgäste, die meinen, sie müssten durch die Tür 1 einsteigen (und mir dann meistens auch noch das Ticket zeigen). Das sind in der Regel Menschen, die noch nicht sehr lange oder nur temporär in Bern sind und die von einem anderen Bussystem erzogen wurden (zum Beispiel von jenem in London oder Südkorea). 
Und dann natürlich der Nachwuchs am Bus-Steuer: Buben und Mädchen, die von der Haltestelle aus ungeduldig in den Bus sperbern, dann zielstrebig durch die Tür 1 hechten und sich auf den vordersten Sitz rechts hinter mir setzen - um mich und die Strasse vor mir aufmerksam zu beäugen, während alle anderen im Bus keine Notiz von mir nehmen. 
Der Transparenz halber muss ich hier offenlegen, dass es durchaus Busfahrer-Kolleginnen und Kollegen gibt, die gegenüber einer offenen Tür 1 weniger offen sind als ich - aus was für Gründen auch immer. Aber wie merke ich als Fahrgast, ob der oder die am Steuer lieber in Ruhe gelassen wird? Auch ich lerne aus Beobachtung. Wenn der Tag kommen sollte, an dem ich allein sein möchte, dann würde ich nur einen Flügel der Tür 1 öffnen (so wie ich meine Wohnungstür nur einen Spalt breit aufstosse, wenn unerwünschter Besuch geklingelt hat) - was aber nicht bei allen Bus-Modellen möglich ist - und zudem würde ich auch an einem grauen und bewölkten Tag eine verspiegelte Sonnenbrille tragen. 
Bis jetzt habe ich aber keinen Bedarf an solchen Massnahmen und freue mich jedes Mal, wenn durch die voll geöffnete Tür 1 Fahrgäste ein- und aussteigen. «Merci, und en schöne Tag!» «Ebefalls, uf widerluege.» 
Oder: «Ebefalls, ACHTUNG!» Denn bei unserem neuesten Modell, dem Irizar-Elektrobus, öffnet sich die Tür 1 in bernischer Behäbigkeit - so langsam, dass die Tür schon freundliche Fahrgäste unsanft ausbremste, die sich zu mir drehten, um sich für die Fahrt zu bedanken, und gleichzeitig aussteigen wollten. Der spanische Bushersteller erinnert uns an ein bernisches Motto: Nume nid gschprängt.

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