Logenplatz: Von früh bis spät

Zwischen Lerchen am Morgen und Eulen in der Nacht erlebt ein Buschauffeur die Stadt im wechselnden Takt der Schichten.

27.04.2026

Logenplatz: Von früh bis spät

Eule oder Lerche? Wenn es um den Biorhythmus geht, geben zwei Vögel den Ton an. Menschliche Eulen sind nachtaktiv und morgens unansprechbar. Lerchen stehen früh auf und sind bettreif, wenn es dunkelt. Eulen und Lerchen gibt es sowohl unter den Fahrgästen als auch unter uns Fahrdienstangestellten. 
 

Die Buseinsätze könnte ich meinem inneren Vogel anpassen. So gibt es verschiedene Schichtlagen, von Früh bis Spät (dazwischen noch Mittel- und Übergangdienste).
Da ich mich weder als Eule noch als Lerche fühle, habe ich für mich alle Schichtlagen gewählt. Das würde ich wahrscheinlich nicht tun, wenn ich Vollzeit-Busfahrer wäre - da bräuchte ich etwas mehr Konstanz, um körperlich und geistig im Lot zu bleiben.
Aber eben, als Teilzeit-Chauffeur fahre ich manchmal früh, manchmal spät. Denn ich liebe die Abwechslung. Und alle Tageszeiten haben ihren besonderen Reiz. Vor fünf Uhr mit dem Velo durch die schlafende Stadt zum Bus-Depot am Eigerplatz zu pedalen, hat etwas Beruhigendes. Wenn ich dann die erste Haltestelle anfahre, bin ich neugierig, wer als erstes einsteigt. Und bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen (wie ich) so früh zur Arbeit fahren.

Dann die Morgendämmerung und damit das Erwachen der Stadt. Die Haltestellen sind plötzlich bevölkert, im Bus stehen die Fahrgäste, auf der Strasse beginnt das Drängeln der Autos und das Durchschlängeln der Velos. Vor Unterrichtsbeginn fluten Schülerinnen und Schüler den Bus.
Gegen 9 Uhr wirds auf den Strassen ruhiger. Aber dann bricht die Rush Hour der Kinderwagen an (wie sie in den Bus und vor allem aus dem Bus gestossen werden, wäre eine eigene Kolumne wert). Dass es Mittag wird, würde ich auch bemerken, wenn ich die Augen geschlossen hätte (was am Bussteuer nicht ratsam ist): Fahrgäste - darunter viele Jugendliche - testen meine Nase mit «Take away» jeglicher Art (auch das verdient eine eigene Kolumne).

Busfahrer von BERNMOBIL, This Wachter

 

This Wachter fährt seit 2024 bei BERNMOBIL Bus. Daneben macht er Podcasts - zum Beispiel «8424 Züri West» - und Audioproduktionen für Museen. Er war zuvor viele Jahre als Journalist tätig, unter anderem beim Berner «Bund» und bei Radio SRF 4 News. 

Der Nachmittag ist trügerisch verhalten, bis es ab 16 Uhr so richtig losgeht im Bus und auf der Strasse. Das Motto überall: nichts wie nach Hause! Nach dem Prinzip «me, myself and I».
Gemütlicher wirds dann am Abend. Und wenn die Nacht anbricht und sich der Verkehr lichtet, beginnt die grosse Freiheit als Busfahrer - oder fast, denn Haltestellen werden zum Sehtest: Steht hier ein Fahrgast oder nicht? Etliche Menschen haben das Talent, in schwarzen Kleidern am dunkelsten Platz zu warten. Bereits weisse Turnschuhe sind für mich ein willkommener Lichtblick. So kann ich auch Nachteulen erkennen und nach Hause (oder in den Ausgang) bringen.

Zu guter Letzt den leeren Bus in die Garage fahren - es empfiehlt sich, nach der letzten Haltestelle noch nachzuschauen, ob wirklich alle ausgestiegen sind - und je nach Zielort als krönender Abschluss noch rückwärts zwischen andere Busse parkieren.
So hat jede Tageszeit ihre Höhepunkte und Herausforderungen. Am frühen Morgen dominieren die Lerchen in den Bussen, am späten Abend die Eulen. Sie sind aber zuweilen antizyklisch unterwegs. Besonders die Eulen sind am Morgen nicht zu übersehen: Sie zelebrieren die charmefreie Unlust der bleischweren Müdigkeit, als würde der Bus direkt in den Weltuntergang steuern. Immerhin schweigen sie und sorgen so für meditative Ruhe im frühmorgendlichen Bus. Nicht so die Gruppe der übermotivierten Lerchen, die selbst um 6 Uhr morgens hemmungslos drauflos zwitschern. 
Das sind die Momente, in denen mein Bus zur Volière wird und ich auf meinen eigentlichen Job fokussiere: das sichere Steuern durch den Verkehr.
 

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