Logenplatz: Das Ohr fährt mit

Jeder Linie ihren Sound: Kolumnist This Wachter erzählt, warum in Bümpliz Hip-Hop und im Spiegel auch mal Chopin mitfährt.

29.10.2026

Logenplatz: Das Ohr fährt mit

Als Busfahrer versuche ich taktvoll unterwegs zu sein. Deshalb höre ich ziemlich oft bei meiner Arbeit Musik. Ich bin mir schon bewusst, dass dies nicht in jedem Fall hilft. Erstens kommt es auf die gewählte Musik an. «Know Your Enemy» von Rage Against the Machine oder «Born to Raise Hell» von Motörhead würden mich wohl stimmungsmässig in eine ungute Richtung lenken. Zweitens ist das Volumen mitentscheidend. Wenn es aus meinen Lautsprechern allzu laut dröhnt, könnte dies Fahrgäste stören. Eine BERNMOBIL-Busfahrt ist keine Ballermann-Party. 

Musik ist ja eine recht persönliche Geschmackssache. Offenbar macht gerade dies das Busfahren für eine spezielle Gruppe von Fahrgästen unterhaltend. In meinem Bekanntenkreis gibt es jedenfalls Menschen, die sich absichtlich zuvorderst hinsetzen, weil sie wissen wollen, was die Frau oder der Mann am Steuer hört. Und da erschallt tatsächlich die ganze Palette von deutschem Schlager über Ländler, Techno, Balkan-Pop bis hin zu Klassik, Jazz, Funk und Rock. Natürlich laufen auch die üblichen lokalen oder nationalen Radiostationen, was auf der Fahrt nicht so mein Ding ist. Wird am Radio geredet, lenkt mich das zu fest ab – und die notorisch aufgestellten Moderationsstimmen am frühen Morgen wirken kontraproduktiv auf meine Laune.
Dann doch lieber reine Musikstationen, von denen es etliche gibt. Da ist meist schon einer eingestellt, wenn ich den Bus übernehme. Dabei fällt mir auf, dass viele Kolleginnen und Kollegen offenbar Nostalgie-Rocker sind. Denn «Flashback» und «Vintage Rock» sind sehr beliebt. 

Ich selbst verbinde lieber mein Handy über Bluetooth und höre Musik, die mir grad passend erscheint. Das ist einerseits verknüpft mit der Tageszeit: Am Morgen mag ich es dezent-minimal, gegen Abend rhythmisch-opulenter. Und andererseits abhängig von der Linie, auf der ich gerade unterwegs bin: Wenn ich mit dem 27er durch das vielfältige Bümpliz kurve, erscheinen mir World Music oder Hip-Hop passend (und natürlich drängen sich Züri West und Patent Ochsner auf), im gutbürgerlichen Spiegel darf es im 16er auch mal Chopin sein und im Stossverkehr auf der Thunstrasse mit dem 28er oder 31er sind dann Triphop oder Acid Jazz angesagt.
Die Musik spielt zwar in erster Linie für mich, aber ich bin mir bewusst, dass der Bus ganz vorne mitbeschallt wird. Meist hören es die Fahrgäste nicht, weil sie Kopfhörer tragen (wir am Steuer dürfen das aus guten Gründen nicht). Aber dann gibt es solche wie jener Fahrgast kürzlich, der beim Aussteigen sein Ohr über die Trennscheibe zu mir gehalten hat und zur singenden Stimme anerkennend sagte: Ah, neapolitanisch! Apropos Neapel, wo die Leute so gern singen (hört man): Es gäbe ja noch die Option, selber Musik zu machen. So hat sich Busfahrerkollege Harry in Hamburg mit seinen Gesangseinlagen («Auf der Reeperbahn nachts um halb eins» etc.) auf TikTok und Co. viele Däumchen geholt. Doch seine realen Fahrgäste schätzten es offenbar nicht so. Jedenfalls hat ihm sein Arbeitgeber wegen der vielen Reklamationen das Singen untersagt. 
Ganz ähnlich ist es einer Kollegin hier in Bern ergangen. Sie hat aus purer Freude am Job immer mal wieder vor sich her gesungen. Nach Kommentaren von Fahrgästen, sie habe nicht alle Tassen im Schrank, hat sie damit aufgehört.  
Ich lasse das Singen also bleiben. Und höre, wenn ich mal wieder mit dem Bus im Stau stehe, Kraftwerk: «Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn.»

Mehr «Logenplatz» gefällig?: Weitere Kolumnen

Busfahrer von BERNMOBIL, This Wachter

 

This Wachter fährt seit 2024 bei BERNMOBIL Bus. Daneben macht er Podcasts - zum Beispiel «8424 Züri West» - und Audioproduktionen für Museen. Er war zuvor viele Jahre als Journalist tätig, unter anderem beim Berner «Bund» und bei Radio SRF 4 News. 

BERNMOBIL eMagazin

Mehr Informationen und Einblicke rund um den öffentlichen Verkehr in Bern.