Logenplatz: Farbenblind vor der Ampel
Wenn Rot an der Ampel offenbar nur noch als «Empfehlung» gilt, wird es für unser Fahrpersonal manchmal brenzlig.
29.07.2026
Rot und Grün sind jene zwei Farben, die in der Stadt Bern nicht nur politisch dominieren. Auch auf den Strassen sind sie omnipräsent. Dort sorgen sie – mit kurzem Zwischenspiel in Gelb - für Ruhe und Ordnung. Oder besser: sollten sie sorgen. Denn es ist offensichtlich, dass nicht alle Menschen diese zwei Farben wirklich erkennen können. Und darunter sind besonders viele, die mit dem Velo oder eBike unterwegs sind.
Genau hier stellt sich mir ein statistisches Rätsel. Laut Fachleuten haben 8 Prozent der Männer und 0.4 Prozent der Frauen eine Rot-Grün-Farbsehschwäche. Das heisst, sie können Grün oder Rot nicht richtig erkennen. Was an der Ampel natürlich ein Problem darstellen kann. Gravierend ist das vor allem für jene noch kleinere Teilgruppe, die Rot nicht erkennen kann: das betrifft 2 Prozent der Männer und 0.05 Prozent der Frauen. Dies wie gesagt laut Fachleuten. In meiner Praxis als Busfahrer jedoch stelle ich eklatant andere Zahlen fest: Da scheinen – grob geschätzt – über 50 Prozent der Velofahrenden, Männer wie Frauen, Rot nicht zu erkennen.
Das kann durchaus zu lebensgefährlichen Situationen führen, denen sich viele auf den Zweirädern offensichtlich nicht bewusst sind. So zum Beispiel, wenn ich auf der Linie 28 oder 31 Richtung Eigerplatz über die Monbijoubrücke fahre, um am Ende in die gleichnamige Haltestelle einzubiegen. Für Velofahrende in gleicher Richtung auf dem Trottoir wechselt die Ampel vorher von Grün zu Rot. Doch der Blick geht nur nach vorn, das Tempo bleibt unverändert. Wir am Bussteuer kennen solche neuralgischen Orte und retten durch Bremsen oder Hupen vorausschauend Leben von Menschen, die sich dessen gar nicht bewusst sind und sich in der Regel dafür auch nicht bedanken.
Gelegentlich habe ich den Eindruck, das Rot der Ampeln wird von den Zweiradmenschen lediglich als Vorschlag wahrgenommen. Aber halt! Nicht zu schnell urteilen. Vielleicht ist es nicht so, dass sie nicht wollen, sondern nicht können. Dass also die Rotsehschwäche ein augenmedizinisches Problem ist, dessen Häufigkeit in der Bevölkerung von den Fachleuten massiv unterschätzt wird.
This Wachter fährt seit 2024 bei BERNMOBIL Bus. Daneben macht er Podcasts - zum Beispiel «8424 Züri West» - und Audioproduktionen für Museen. Er war zuvor viele Jahre als Journalist tätig, unter anderem beim Berner «Bund» und bei Radio SRF 4 News.
Ich neige in meiner Kolumne ja manchmal etwas dazu, abzuschweifen. Aber etwas muss ich hier schon noch erwähnen: Eine Farbsehschwäche kann die Karriere von uns Fahrdienstangestellten ziemlich einschränken. Sie bedeutet nämlich den Ausschluss vom Fahrdienst auf dem Tram. Dies ist so aufgrund von internationalen Vorgaben für das Führen von Schienenfahrzeugen und geht – wie ich gelesen habe – auf ein Eisenbahnunglück 1875 in Schweden zurück, bei dem die Farbenblindheit eines Lokomotivführers den Unfall verursacht haben soll. Dass Farbsehschwäche im 21. Jahrhundert immer noch ein No-Go auf Schienen ist, wird von manchen als alter Zopf bezeichnet, aber da will ich mich nicht weiter aus dem Tramfenster lehnen.
Ich bin ja Busfahrer und dürfte diesen Beruf selbst dann ausüben, wenn ich Rot nicht erkennen könnte. Denn wir Profis wissen – und das ist nun der ultimative Tipp für die farbenblinden Menschen auf Velo und eBike: An der Ampel ist Rot oben und Grün unten!
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